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Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Das
Feuer der Wut
Sie
kennt den Hass der jungen Männer, jahrelang hat sie in der Vorstadt
den Terror bekämpft. Jetzt in der Krise brodelt es wieder - und
Fadela Amara sitzt im Kabinett von Nicolas Sarkozy. Sie soll für
Ruhe sorgen in den Ghettos. Und die Frage klären: Hilft Politik
gegen Gewalt?
Von
Barbara Supp, DER SPIEGEL, 30.3.2009
Sie reichen jetzt
den Kanister herum, von Hand zu Hand geht er bei Anwälten, Richtern,
Geschworenen, wie viel fasst er genau, fünf Liter? Gut, also fünf
Liter Benzin. Auch den Schal schauen sie sich an, den Scheherezade
trug, als sie brannte, getränkt mit diesen fünf Litern. Entzündet
von Amer.
Scheherezade war
lebhaft, funkelnd, lebenslustig, sie war 18 Jahre alt.
An diesem Morgen,
im Gerichtssaal von Bobigny, saß sie lange unbeweglich mit dem
Rücken zur Öffentlichkeit, sehr still, aber dann sieht sie diesen
Kanister und den Schal und weint jetzt doch. Langes dunkelbraunes
Haar hat sie über das halbe Gesicht gezogen, über die schlimmere
Seite. Die andere zeigt sie, wenn sie es schafft, zu Amer
hinüberzusehen.
Sie ist
Scheherezade Belayni, partie civile im Prozess gegen Amer Butt, der
einmal ihr Liebster war. Sie ist das Opfer, die Nebenklägerin hier
im Justizpalast von Bobigny, im rauen Nordosten von Paris, begleitet
wird sie von einem Dutzend Frauen, viele maghrebinische Gesichter,
afrikanische, man tätschelt ihr die Schulter, streicht übers Haar.
Sie soll durchhalten. Man hat ihr gesagt, dass das Politik ist, was
hier verhandelt wird, nicht nur persönliche Verzweiflung. Sie sitzt
hier nicht nur für sich selbst, hat man ihr gesagt, sondern für die
Frauen der Vorstädte, für die Frauen Frankreichs, manche sagen: für
alle Frauen.
Sie ist "nicht
Hure, nicht Unterworfene". Ni putes, ni soumises, so heißt die
Organisation, die Scheherezade betreut und die sie zur
Ehrenvizepräsidentin ernannt hat, eine berühmte Organisation in
Frankreich, gegründet von einer Frau aus der Vorstadt, die jetzt
eigentlich hier sein müsste, aber sie kann nicht. Sie hat zu tun.
Oder ist sie schon zu weit weg?
Fadela Amara ist
jetzt Staatssekretärin für Stadtpolitik, im rechten Kabinett von
Nicolas Sarkozy, eine Linke, eine von ihnen. Oder jetzt nicht mehr?
"Links?
Selbstverständlich bin ich links. Selbstverständlich!"
Place de
Fontenoy, leicht gebogene Fassade, großbürgerlicher Bau aus den
dreißiger Jahren, darin das Sekretariat für Stadtpolitik und Fadela
Amara, geboren 1964 in einer Vorstadt von Clermont-Ferrand, sechs
Brüder, drei Schwestern, Tochter eines algerischen Berbers, der in
den fünfziger Jahren zum Geldverdienen nach Frankreich kam. Eine von
ganz unten, kein Studium, kein Abitur, eine militante, so nennt man
in Frankreich die Straßenaktivisten. 2005 marschierte sie mit Ni
putes durch Neuilly-sur-Marne, für Scheherezade, die im Koma lag und
von der niemand wusste, ob sie leben würde oder sterben. Und jetzt,
als der Fall Scheherezade endlich verhandelt wird, sitzt Fadela nicht
im Gerichtssaal, sondern in der Regierung von Nicolas Sarkozy.
Von Sarkozy, der
damals, vor dreieinhalb Jahren, als Frankreichs Vorstädte brannten,
das Wort "Abschaum" ausspie und den "Kärcher"
empfahl, den Hochdruckreiniger, um die Ghettos zu säubern.
Sie wollten die
Welt verändern, Madame Amara, oder die Vorstädte wenigstens, wie
soll das gehen mit Sarkozy, gegen den die Leute auf die Straße
gehen, der die Ghettos gegen sich mobilisiert hat? Ausgerechnet mit
Sarkozy?
"Sie reden
vom ,Kärcher'? Ich bin dafür. Ich bin dafür, den ganzen Mist, die
ganze merde, aus den Ghettos rauszufegen, das alles, was dort nicht
funktioniert."
Fadela Amara ist
eine der drei Politikerinnen mit Migrationshintergrund, die Sarkozy
in die Regierung bat. Sie ist nicht wie Rachida Dati, die schicke
Justizministerin, nicht wie Rama Yade, die schöne schwarze
Staatssekretärin für Menschenrechte, sie ist - nun ja, anders.
Kleine Gestalt im irgendwo gekauften Hosenanzug, die Haare schmucklos
nach hinten geknotet, entschiedener Tonfall, gerader Blick, ein Mund,
der kein schnelles Lächeln verschenkt. Sie empfängt auf
cognacfarbener
Sitzgarnitur hoch
über Paris, in diesem Winter, da die Zweifel wachsen an Sarkozy und
auch an ihr, seiner seltsamen Alliierten, dieser Frau aus einer
anderen Welt.
Morgens war
Ministerrat, mittags ein Essen mit einem Kabinettskollegen, jetzt ist
es Abend, man schaut auf den Arc de Triomphe, Paris funkelt, Bobigny
ist jetzt sehr weit weg und Clermont-Ferrand noch viel weiter und
dessen Vorstadt Herbet, ein Arbeiterviertel, dort wurde Fadela groß.
90 Prozent Immigranten aus Algerien, in der Schule ließen sie es
einen spüren. Aber in der Schule lasen sie auch "Le Petit
Prince". Sie mochte das, so hat sie es mal in einem
autobiografischen Text beschrieben, sie war in der République
française geboren und damit automatisch Französin und sah sich auch
immer so.
Mit einem
zwiespältigen Verhältnis zur Staatsmacht allerdings. Wenn sich die
Polizei im Viertel zeigte, dann meist für Razzien, Festnahmen, die
Polizei galt in ihren Kreisen als eine Macht, die kam, um die Leute
zu terrorisieren. Als sie 14 war, wurde ihr kleiner Bruder Malik von
einem Betrunkenen überfahren und starb. Und sie war dabei, als
Polizisten ihre vor Kummer schreiende Mutter und ihren Vater
beschimpften, "dreckige Araberärsche", das blieb im Kopf.
Es war eine Welt,
in der Mädchen den Haushalt machten, und Jungs durften alles, der
Älteste vor allem, so war es auch bei Fadela daheim. Mädchen
mussten geheiratet werden, sonst zählte nichts. Aber ein Mädchen
konnte manches unternehmen damals, solange es diskret genug war und
Jungfrau blieb. Mädchen schminkten sich und trugen Röcke, als
Fadela jung war. Es war nicht so, dass man sich in Luft auflösen
sollte draußen, unter einem Schleier verschwinden oder gar nicht
mehr existieren - so war es nicht. Das kam erst später.
Die ganze merde:
Wie die Väter in den neunziger Jahren massenweise ihre Jobs verloren
und damit die Autorität, sie hat es erlebt. Wie die Macht an die
ältesten Söhne überging, an Söhne, die drinnen verwöhnt wurden
von den Müttern und außerhalb der Viertel gar nichts waren, die
sich das nahmen, was ihnen blieb: die Macht über Frauen. Wie dieses
Ghettogefühl, diese Diktatur der Brüder entstand, wie sie die
Kontrolle über den Körper der Mädchen übernahmen, erst über den
der Schwestern, dann über den der Mädchen im Viertel - keine Röcke
mehr, keine engen T-Shirts, kein Make-up. Ein Gesetz des Ghettos trat
in Kraft, dessen erste, unumstößliche Regel heißt: Eine Frau tut,
was man ihr sagt.
Das war die Zeit,
als Fadela, die damals Sozialarbeiterin war und immer häufiger mit
Mädchen auf der Flucht vor Gewalt zu tun hatte, zu wünschen begann,
es gäbe eine Polizei, die für Sicherheit sorgte. Aber die spielte
in den harten Vierteln keine Rolle mehr. Dafür die Radikalen. Die
Brutalen. Und dann auch die Religiösen, die fundamentalistischen
Prediger, sie nutzten die Gunst der Zeit.
Die Mädchen -
sie haben sich unterworfen. Haben Techniken entwickelt, im eigenen
Viertel unsichtbar zu sein, im Schatten der Mauern gehen, zu Boden
schauen, weil ein offener Blick schon heißen kann: Hure. Pute. Und
draußen in der freien Stadt ziehen sie sich das Kopftuch vom Haar.
Oder sie übernehmen den Islam der Fundamentalisten und tragen den
Schleier wie eine Standarte, er bringt Respekt, endlich, den Respekt
für eine fromme Frau.
Oder sie
rebellieren und nehmen sich das Recht heraus, nein zu sagen, so wie
die 17-Jährige in Vitry-sur-Seine, die im Herbst 2002 lebendig
verbrannt wurde, weil sie sich nicht an die Regeln des Ghettos hielt.
Ein Mord, der zum Auslöser wurde für die Gründung von Ni putes, ni
soumises, unter den Drohungen der Blockwarte und Ultrareligiösen. Es
gab Mordaufrufe gegen Fadela Amara. Es gab aber auch Streit mit
Teilen der Linken, die doch eigentlich, sagt sie, ihre "politische
Familie" ist. Es gab jene Fraktion, die den Marsch der 20 000
Mädchen durch Frankreich und die neue Frauenorganisation als
Stigmatisierung der Immigranten verstand.
Richtig Krach gab
es schließlich, als sie Sarkozys Angebot annahm. Die Frau, die immer
gepredigt hat, dass Frauen nein sagen können, sagt plötzlich ja.
Ihre Organisation hat es fast zerrissen, es gab Austritte,
Beschimpfungen, Gegenkomitees, das Ghettomädchen lässt sich zur
Ghettoministerin machen, was will Fadela dort - Geld? Karriere? "Die
waren von einem Teil der Sozialisten funktionalisiert", sagt
kühl das Kabinettsmitglied Amara.
Es ist ein
seltsames Kabinettsmitglied, eines, das sozialistische Stadträtin
war und jahrelang militante, bis eines Tages das Telefon klingelt,
und der Leiter des Präsidialamts ist dran und fragt: Na, wie wär's?
Ein Fehler, es zu
versuchen? Ein Fehler, es nicht zu probieren?
Das Kabinett zum
Tanzen zu bringen - eine reizvolle Vorstellung, unbedingt. Eine Dosis
wahres Leben ins Kabinett zu holen - die Sozialisten, sagt Amara,
"haben uns ja nie gewollt". Uns: die Immigranten. Und
Sarkozy wollte. Was macht man da? Man sagt ja und gibt bekannt, dass
man Sarkozy nicht gewählt habe, und man werde das auch beim nächsten
Mal nicht tun. Und schimpft gleichzeitig mit großer Leidenschaft auf
die Parti socialiste.
Nicht auf die
Basis. Aber auf die Führung jener Partei, die früher Wohnblocks in
die Landschaft knallte, hier habt ihr Gleichheit für alle, euer
Arbeiterparadies, und die diese Viertel zu Ghettos verkommen ließ,
die Geld ausgab und Pläne, Pläne, Pläne hatte und jahrzehntelang
dafür sorgte, dass nichts geschah. Jene "linken Eliten",
bourgeois und hochschulgebildet, die keine Ahnung haben, wie dort, wo
man kein Hermès-Parfum in der Nase hat, die Wirklichkeit riecht.
Man muss ihr
nicht begegnen, dieser Wirklichkeit, sie spielt weit ab von Champs
Elysées und Quartier Latin, aber manchmal bricht sie sich Bahn und
dringt in die Nachrichten vor. So wie in diesen kalten Tagen, als in
Bobigny verhandelt wird über Liebe, Ehre, Gewalt in der Vorstadt,
über die Geschichte von Amer und Scheherezade.
Scheherezade ist
jetzt 21, groß, mit immer noch funkelnden Augen, wenn sie lacht,
manchmal kommt das vor. Manchmal zeigt sie die linke Wange, als wäre
da nichts Besonderes, nicht die Narbenwülste, nicht die Spuren der
Chirurgie. Die Ärzte haben gut gearbeitet, aber sie mussten
stückeln, verpflanzen, nähen. Kosmetik hilft. Es gibt eine
grünliche Creme, die das Rot der Narben umwandeln kann in ein
unauffälliges Beige.
Scheherezade: ein
Kind aus marokkanisch-französischer Familie, keines von jenen, die
sich ducken, kein Kopftuch, dafür Schminke, Schmuck. Vor dreieinhalb
Jahren stand sie in der Handelsschule kurz vor dem Fachabitur. Am
Wochenende jobbte sie in einem Modeladen, dort arbeitete auch Amer.
Amer: ein
schmaler Junge mit Koteletten, der nach unten starrt, 28 ist er
jetzt, wie ein sanfter Student sieht er aus, wie einer, der keine
Probleme macht und gewohnt ist, zu tun, was man ihm sagt.
In Pakistan
geboren, mit seiner Familie lebte er dort, bis er 14 war, nur der
Vater war längst weg, in Europa. Amer: Gehätschelt und geliebt,
einziger Sohn mit drei Schwestern, nicht der Älteste, aber so muss
er sich gefühlt haben, sagt ein Psychiater im Gerichtssaal von
Bobigny.
Der Vater holt
die Familie nach Frankreich, Amers Welt zerbricht. Er muss sich einer
Autorität fügen, der des Vaters, und in der Schule hat er jetzt
Mühe, den Abschluss schafft er nicht. Er trödelt. Hilft im Lokal
des Vaters, unterliegt wieder dessen Autorität. Dann dieser Job im
Kleiderladen und Scheherezade - die Liebe seines Lebens, erzählt er
jedem, er will sie haben, haben, haben, zur Frau nehmen, sein Vater
ist dagegen, ihrer auch.
Sie mag ihn. Aber
sie will nicht verheiratet sein, mit 18. Sie sagt es ihm, aber er
will nicht hören.
Will sich endlich
durchsetzen gegen seinen Vater. Hält um ihre Hand an bei ihren
Eltern, schön angezogen, ein Geschenk hat er dabei. Sie empfangen
ihn auf dem Treppenabsatz und sagen nein, brüllend, erzählt
Scheherezades Vater später, habe Amer sich auf dem Boden gewälzt,
die Nachbarn kamen schon, dann zog er endlich ab.
Er ging zu
Drohungen über, erzählen Zeugen, Freunde von Amer und von
Scheherezade und Scheherezade selbst: Sale connasse. Ich werde dich
strafen, du wirst es spüren, du wirst immer an mich denken. Ich
werde dir zeigen, dass ich ein Mann bin, und meinen Freunde auch.
Amer sagt:
"Niemals habe ich ihr weh tun wollen, niemals!"
Ein Sonntag im
November 2005: Amer bricht morgens auf, küsst seine Mutter, sagt
ihr, er habe etwas zu erledigen. Findet Scheherezade in der Nähe
ihrer Wohnung, steigt aus dem Auto, nimmt das Benzin, schüttet es
über ihren Kopf, sie rennt, er läuft hinterher, er hat ein
Streichholz, dann ist sie ein schreiendes, brennendes Bündel, und er
ist ein Mann auf der Flucht.
Gesicht, Bauch,
Thorax, Arme, Beine. Es ginge schneller, sagt im Zeugenstand ein
medizinischer Experte, das aufzuzählen, was nicht verbrannt war an
Scheherezades Körper; vom Feuer erfasst waren, sagt er, 70 Prozent.
Erst konnte sie
den Kopf nicht mehr heben, das geht jetzt wieder. Die linke Hand
funktioniert nicht gut. Sie braucht Hilfe beim Schnürsenkelbinden,
Jackezuknöpfen, BH-Schließen, Zahnpastaaufschrauben, Obstschälen,
Nägelschneiden, Wasserflaschenaufdrehen.
Amer schaut zu
Boden. Er leugnet nicht. Warum er es getan habe, das wisse er nicht.
Kurz sieht es so aus, als ob er weint.
Auf dem Korridor
vor dem Gerichtssaal wird Scheherezade von Kameras umdrängt, sie
weint, wird umarmt, nicht immer jagen ihre Beschützerinnen die
Fernsehkameras weg. Dies hier ist ja nicht nur Scheherezades
Geschichte, es ist Politik. Sihem Habchi ist nun zu sprechen, eine
geschäftige Person mit dunklen Locken und besorgten Augen, die
Präsidentin von Ni putes, die Nachfolgerin von Fadela Amara. Sie
hofft, sagt sie, es geht ein Signal aus von diesem Prozess. Sie
hofft, dass die Gerichte gelernt haben durch die Proteste, die
Anklagen auf der Straße, sie hofft, dass dies nicht als crime
passionnel abgetan wird, als Straftat im Affekt, sondern als das
behandelt wird, sagt sie, "was es ist: versuchter Ehrenmord".
Straßenpolitik,
die Politik von Sihem Habchi und Ni putes, ni soumises, kann keine
Gesetze beschließen, kein Geld verteilen, sie lebt von der Anklage,
der Revolte, der Wut. Lebt von Bildern und davon, Geschichten zu
erzählen. Scheherezade ist das Mädchen, das gewagt hat, nein zu
sagen, Amer der Junge, der das als Ehrverletzung erlebt. Das Private
ist politisch und öffentlich. Straßenpolitik muss nicht immer
angenehm sein. Scheherezade steht auf dem Korridor, von Kameras
umringt, man fragt sie: "Sind Sie sich dessen bewusst, ein
Symbol zu sein?" Sie schweigt. Ja, sagt sie dann. Und schweigt.
Auch
Regierungspolitik braucht Geschichten, Fadela Amara ist eine, eine
ziemlich gute sogar. Aber sie ist jetzt dort, wo man auch Geld
verteilen und Gesetze machen kann, sie ist Madame la Ministre,
Sarkozys interessanteste Wahl.
Sarko - ein
Spieler, ein zappelnder kleiner König, der weiß, dass die Vorstädte
jederzeit wieder explodieren können, er integriert ein bisschen Wut,
sucht sich ein Kind der Vorstadt, als Hofnärrin? Ist es das?
Madame Amara
lächelt jetzt, zum ersten Mal. Doch, ja, sie bemühe sich, die Codes
zu erlernen, wie man sich gibt bei Hofe, was man wo sagt und wie. In
der Assemblée nationale benimmt sie sich sehr. Aber sie spricht -
anders, gelegentlich jedenfalls. Merde. Dégueulasse. Sie will nicht
wohnen, wie es von ihr erwartet wird, hat das Staatsappartement im 7.
Stock des Ministeriums verweigert und blieb in ihrem Wohnblock im 13.
Arrondissement. Sie genießt es, wenn man sie als Opposition
innerhalb der Regierung bezeichnet, wie lange geht das gut?"Sarko
weiß, dass ich eine Nervensäge bin."
Mit dem
Präsidenten, sagt sie auf ihrem cognacfarbenen Sofa, habe sie eine
"sehr spezielle" Beziehung. Sie schaut darüber hinweg,
dass er den Kündigungsschutz lockern ließ und hohe Entlastungen für
die Reichen durchbrachte, und bezeichnet seine Politik als
"progressiv". Er steht hinter ihr, so gut er kann. Im
Kabinett, sagt sie, sind die Reaktionen geteilt. Manche haben sie
"mit tiefem Argwohn" betrachtet. Andere genießen den neuen
Ton.
Das Kabinett zum
Tanzen bringen - natürlich will sie alles anders machen als alle
anderen davor. "Hoffnung für die Vorstädte", so heißt
ihr Konzept, es soll wiedergutmachen, was 30 Jahre lang versäumt
wurde. Sie will "die Rückkehr der Republik" in die
Banlieue. Mit Verkehrsanschluss für die abgehängten Viertel, mit
Stadtsanierung, mit staatlich finanzierten Job-Programmen, mit
Bildungsförderung vor allem für Schulabbrecher - viele von denen,
die Ärger machen, sind ja in der Schule gescheitert wie Amer, der
Angeklagte von Bobigny.
Das alles kostet,
und ihr Budget ist nicht üppig. Dafür sind alle irgendwie
zuständigen Minister verpflichtet, sich Programme für die kaputten
Stadtteile zu überlegen und durchzusetzen - sie sagt, sie mag diese
Idee. Wenn nichts passiert, sagt sie, kann sie sich beklagen beim
Regierungschef François Fillon oder gleich bei Sarkozy.
Es herrscht
Erwartung in den Vorstädten, die Erwartung, dass Fadela Amara nicht
sich, sondern die Welt verändert. Die Welt der Vorstädte, wo die
Anspannung steigt, die Etablierten wissen es. Der Senatspräsident
hat gerade erst gewarnt vor neuen Aufständen, dort, "wo die
jungen Leute die Krise am heftigsten zu spüren bekommen". Dort,
wo die Leute denken, sagt Fadela Amara, "wenn ich es nicht
schaffe als eine von ihnen, wer dann?"
Die Kleinstadt
Gagny liegt östlich von Paris, von der Place de Fontenoy aus
Richtung Bobigny und dann noch ein gutes Stück weiter, in der
Peripherie. Motorradeskorte voraus, dahinter rasend die
Staatslimousine, auf der Agenda ein Besuch bei den Wohnblocks von
Gagny-Chénay, die Botschaft ist: Es passiert was. Es geht voran.
Madame Amara tritt vor, in einem dieser Hosenanzüge, in denen sich
Rachida Dati im Leben niemals zeigen würde. Es ist ein
blau-weiß-rotes Band zu zerschneiden und eine Plakette zu enthüllen.
Es sind ein Sozialzentrum und Sozialwohnungen in Gagny-Chénay zu
besichtigen, Amara und der Bürgermeister und ein Trupp von
Zuständigen und Mitarbeitern und Journalisten und Honoratioren
zwängen sich durch unbewohnte Neubauquartiere, machen Türen auf,
schauen in Abstellkammern, ah, das Bad, ja, ja.
Draußen gibt es
jetzt Zuschauer, Leute aus dem Viertel, im Hintergrund halten sich
ein paar arabisch gekleidete Männer mit bitterem Blick. Dann gibt es
Reden auf einem begrünten Podium, der Bürgermeister und die
Besucherin loben die hellen, praktischen neuen Wohnungen, und dann
kippt alles, dann spricht ein aufgeregter Bärtiger in die Reden
hinein, er ist schwer zu verstehen, es klingt wie "Mieterhöhung",
"Platz! Mehr Platz", und der Mund Amaras wird streng und
immer strenger.
Sie ist es
gewohnt, dass jemand dazwischenschreit und kann damit gut umgehen,
immer gab es Typen, die sich von Ni putes beleidigt fühlten,
Fundamentalisten oder Vorstadt-Machos, sie wird mit solchen Leuten
fertig. Ein Problem, sie anzuschnauzen und dann in eine echte
Diskussion zu verwickeln, hat sie nicht. Jetzt aber ist sie
Abgesandte der Regierung und benimmt sich auch so, der Mann stört
den Ablauf, man sieht: Sie mag das nicht.
Fadela Amara gibt
dann noch ein paar Frauen die Hand und sagt ein paar Sätze auf
Arabisch, zwei stehen da mit enttäuschtem Blick, eine drückt ihr
ein Papier in die Hand, sie gibt es weiter an einen Referenten, sie
muss jetzt noch zu den Häppchen, dann ist sie fort.
"Sie hat
nicht zugehört." Die beiden Frauen, sie heißen Fatima und
Fatna und wohnen mit Mann und Kindern hier in diesen Wohnblöcken,
sie wollen reden, der Besuch wirkt nach.
Dass sie mit dem
Aufgeregten nicht gesprochen hat. Er sollte doch der Vertreter der
Mieter aus dem Viertel sein. Dass sie keine Zeit hatte zum Zuhören,
Fatima sagt, Fadela Amara habe auf Arabisch "später, später"
gesagt, als der Aufgeregte sprach, aber dann war sie weg.
Sie hätten ihr
gesagt, dass viele dringend größere Wohnungen brauchen, und
gefragt, warum so viele Leute von außerhalb diese schönen neuen
Appartements kriegen, und hier im Viertel sitzen sie in ihren engen
Löchern herum. Sie hätten gesagt, dass es jetzt keinen Ort mehr
gibt, wo die Jungs Fußball spielen können, früher taten sie das
dort, wo jetzt die neuen Häuser stehen. Und dass nachmittags nur
einmal pro Stunde ein Bus verkehrt, der nach draußen zur Stadt und
zur S-Bahn fährt.
Sie würden ihr
gern sagen, dass sie viel erwartet hatten von der neuen Ministerin
und jetzt nicht mehr. Früher habe sie ihnen besser gefallen. "Sie
darf nicht vergessen, dass sie Maghrebinerin ist", sagen sie.
Fadela Amara hat
das getan, was Politiker immer machen, Besuch bei den Wählern,
Stippvisite im absurden Glauben, so ein Kurzbesuch könne Vertrauen
schaffen; ohne Sinn für das Risiko, dass so ein Besuch Vertrauen
eher zerstört.
Sie müsste es
wissen. Sie hat Politiker oft genug von der anderen Seite, von der
Straße aus gesehen. Gagny, Madame la Ministre, was war los in Gagny?
Sie überlegt, Gagny, das ist schon drei Wochen her, was war los?
"Helfen sie mir." So viele Termine draußen, drei, vier pro
Woche, die Agenda ist voll.
Es ist die alte
Frage, ob der Marsch durch die Institutionen eher den Marschierer
verändert oder die Institution. Sie hat ihr politisches Schicksal
geknüpft an Sarkozy, den Unberechenbaren, der einerseits Fadela
Amara engagiert und andererseits Sozialarbeiterstellen abbaut und
Familienhilfen streicht, der als Innenminister in den Vorstädten
Polizisten einsparte und sie jetzt wieder hinschicken will; ein
Irrwisch, und es kann schnell vorbei sein mit seiner Gnade, Rachida
Dati und Rama Yade, die beiden Kabinettskolleginnen, haben sein
Wohlwollen schon verloren.
Es ist nicht
angenehm, in den Zeitungen zu lesen, dass Amaras Plan einfach nicht
vorankomme. Dass die Situation nicht besser sei als 2005, als die
Ghettos brannten. Dass mehr Feuerwaffen benutzt werden, dass ihre
"Hoffnung für die Vorstädte" nicht in der Lage sein
werde, die Dinge wirklich zu ändern, schon gar nicht an der Seite
von Sarkozy.
Jetzt brodelt es
wieder, jetzt, in der Krise, und sie gehört nicht mehr dazu. Jetzt
demonstrieren Millionen und haben mit ihrem Protest erreicht, dass
Sarkozy knapp drei Milliarden mehr für Soziales ausgeben will als
geplant. Er hilft, weil die Angst vor dem Aufruhr zündet. Jetzt
sieht es so aus, in diesem kalten Vorfrühling 2009, dass der Druck
der Straße erfolgreicher sei als der im Kabinett.
Auch von Sarkozy
hört man jetzt, in der Banlieue gehe es zu langsam voran. Amara
schiebt es auf das Bremsen der Höheren Verwaltung. Und auf jenen
Teil der Eliten, "der nicht will, dass Arbeiterkinder
erfolgreich sind".
Politik heißt
auch, mit Enttäuschungen zu handeln, auch mit den eigenen, und
Trennschärfe zu finden zwischen Macht und Illusion. Sie bemüht sich
sehr, nicht nach Nostalgie zu klingen, wenn sie über ihr altes Leben
spricht, als die Fronten klarer waren und das Territorium, auf dem
sie kämpfte, ihr eigenes war. Sie sagt, es klingt ein wenig trotzig,
"wir sind auf dem richtigen Weg".
Am Abend nach dem
Prozess von Bobigny, Amer ist zu 20 Jahren Haft verurteilt worden,
ist Scheherezade zu Gast bei Fadela Amara an der Place de Fontenoy.
Zu zweit sitzen sie am übergroßen weißgedeckten Tisch im
Staatsappartement, eine Kamera darf kurz dabei sein, zwei Frauen aus
der Vorstadt, müde die eine, die andere, die mit den Narben, mit
einem neuen Lächeln im Gesicht.
Scheherezade hat
gewonnen, und Ni putes, ni soumises hat gewonnen. Und vielleicht auch
die Republik.
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